BANDELOW: . . . bevor der seinen ersten Schritt auf die Bühne gemacht hat, hatte der schon Probleme. Das gilt für die meisten Borderline-Stars. Eine solche Störung entwickelt man zwischen 13 und 16. Die Kritik an meiner Theorie richtet sich dagegen, dass die von mir Geschilderten tot sind oder dass ich sie nicht alle persönlich kenne und gesprochen habe. Doch die Lebenswege und Symptome sind eindeutig: Man wird leichter berühmt, wenn man diese Störungen hat.
Genie und Wahnsinn, sagt der Volksmund, Künstler dürfen und müssen vielleicht sogar ein bisschen verrückt sein . . . Wie würden sie denn Amy Winehouse therapieren?
BANDELOW: Sie erfüllt viele der international festgelegten Kriterien der Borderline-Erkrankung. Sie müsste in eine Klinik kommen, selbst und aus freiem Willen. Und da würde sie wohl eher in eine Promi-Klinik kommen als zu mir. Aber gesetzt den Fall: Wir würden sie erst mal körperlich entgiften. Dann würde eine Psychotherapie folgen, aber die wirkt auch keine Wunder. Da kann man froh sein, wenn alles ein wenig besser wird.
Gesetzt den Fall, Winehouse käme einigermaßen therapiert zurück - wäre sie dann langweilig?
Sie haben Bücher geschrieben über Angst und über die Überwindung der Schüchternheit. Haben Sie geahnt, dass das Bestseller werden?
BANDELOW: Auf der einen Seite schon - weil die Angsterkrankungen so weit verbreitet sind, aber ich war doch überrascht. Ein Buch über Schüchternheit! Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Sozialphobie, Sie sind schüchtern und müssen in der Buchhandlung nach dem Buch für Schüchterne fragen . . .
BANDELOW: Der Grund, warum solche Leute Musik machen, ist nicht der, dass es ihnen so schlecht geht. Borderline-Menschen haben einen ordentlichen Narzissmus, Geltungsdrang, Ehrgeiz. Sie wollen unbedingt an die Öffentlichkeit, das Gold für Borderliner ist Aufmerksamkeit. Und die kriegt man am besten auf einer Bühne. Deswegen arbeiten sie viel härter an ihrer Karriere. Man muss ja einiges in Kauf nehmen, man muss sich auslachen lassen, man muss vor halb leeren Turnhallen auftreten. Das nimmt man alles auf sich. Das kann man nur, wenn einem die Angst im Nacken sitzt, man könnte NICHT berühmt werden. Die Angst ist die treibende Kraft, berühmt zu werden. Ehrgeiz und Fleiß kommen natürlich dazu.
Warum mögen wir, die Klatschfreunde, Stars mit Drama, mit Problemen so gerne?
BANDELOW: Wenn ein Borderliner singt, dann hat er das gewisse Etwas in der Stimme, was bei uns das Gänsehautgefühl macht. Wer viel erlebt hat, kann Emotionen besser rüberbringen. Jeder Mensch hat ein Belohnungssystem auf der einen und ein Angstsystem auf der anderen Seite. Das Belohnungssystem „will fressen, saufen und guten Sex - und zwar sofort“. Das Angstsystem sagt: Das ist schädlich, das ist teuer, unangenehm, peinlich. Die beiden stehen bei normalen Menschen in der Waage. Bei Borderlinern nicht, die haben eine Impulsstörung, das Angstsystem bremst sie nicht ständig. Wenn wir als Normalo für ein Konzert 70 Euro zahlen, dann sehen wir gerne, dass andere Leute ihr Belohnungssystem voll ausfahren. Der Star tut stellvertretend für uns, was wir uns nicht trauen - obszöne Dinge, Hass, Wut, alle Affekte.
Warum interessieren wir uns so sehr für das Leben jenseits der Bühne?
BANDELOW: Man weidet sich einfach gern am Unglück anderer Menschen . . .
. . .. das ist schlicht Schadenfreude . . .
BANDELOW: . . . wir sehen gern, wie es anderen Leuten schlecht geht - und wenn die etwa Fieses überstanden haben, dann geht es uns auch besser. Wenn wir Achterbahn fahren, gaukelt uns unser Angstsystem vor, wir wären in Gefahr - aber wenn die Fahrt hinter uns liegt, sind wir erleichtert und kriegen eine Ausschüttung vom Belohnungssystem. Genau das passiert, wenn ich von anderer Leute Elend höre, eine Stellvertretersache. Deswegen lesen wir Zeitung, deswegen gucken wir Katastrophenfilme - weil wir sagen können: Wie gut, dass es nicht mich erwischt hat.
Und deshalb lieben wir es, wenn Robbie Williams ganz Privates ausbreitet?
BANDELOW: Na ja - eigentlich spricht er über seine Ängste, etwa darüber, dass er möchte, dass immer ein Leibwächter beim ihm ist. Borderline-Stars erzählen auch innerste Geheimnisse, weil sie dann Aufmerksamkeit bekommen. Dieses Öffentlichmachen kommt unserem Voyeurismus entgegen. Wann hat man so was schon mal in seinem Bekanntenkreis . . . Im Übrigen ist es typisch für Borderliner, alles zu erzählen - das hat für sie eine Funktion wie das Beichten.
Mit welchem der Stars, die Sie in Ihrem Buch beschrieben haben, würden Sie gern mal essen gehen?
BANDELOW: Robbie Williams, weil der intelligent ist und raffinierte Texte schreibt. Der wäre sehr aufschlussreich, der kennt sich ganz gut selbst.
Sind alle Skandale echt?
BANDELOW: Nein. Vieles ist kalkuliert, Britney Spears sucht die Nähe der Fotografen regelrecht. Und bei Madonna sehe ich regelrecht vor mir, wie da hochbezahlte Herren in schwarzen Anzügen sitzen und sich mit ihr beraten, welchen Skandal sie als Nächstes fabrizieren könnte. Provokationen von ihr - die sind ja total gekünstelt. Man kann sich nicht vornehmen, von Grund auf böse zu sein, das muss von innen kommen. Madonna ist keine Borderlinerin, sie hat nur viele narzisstische Elemente und diesen zwanghaften Perfektionismus. Singen kann sie nur mäßig. Ich hab keine CD von ihr gekauft, die ist mir zu banal.